Red Dot Award: Product Design

Wolfgang K. Meyer-Hayoz im Interview

Über den Bewertungsprozess, Produkt-Highlights und Trends in der Medizinbranche: Red Dot-Juror Wolfgang K. Meyer-Hayoz im Interview

Medizintechnik und Maschinen- sowie Gerätedesign – darin liegt die Expertise von Wolfgang K. Meyer-Hayoz, langjähriger Red Dot-Juror und Gründer von Meyer-Hayoz Design Engineering. Zu seinen Kunden zählen ebenso kleine und mittelständische Unternehmen wie Weltmarktführer. Als Managing Director hilft er ihnen, ihre Designstrategie auszuarbeiten und umzusetzen. Dabei umfassen die Kompetenzbereiche der Beratung Design Strategy, Industrial Design, User Interface Design, Temporary Architecture und Communication Design. Mit eben diesem breiten Wissen bereichert Meyer-Hayoz seit vielen Jahren die Red Dot Jury. 2019 bewertete er die Einreichungen in den Kategorien „Industriegeräte, Maschinen und Automation“, „Robotertechnik“ und „Medizinische Geräte und Medizintechnik“ sowie „Healthcare“. Im Interview mit Red Dot sprach der Experte über den Bewertungsprozess, die Produkte, die ihn besonders überzeugten und Trends in der Medizinbranche.

Red Dot: Sie bewerten unter anderem die Kategorie „Industriegeräte, Maschinen und Automation“. Wie läuft der Bewertungsprozess hier ab?

Meyer-Hayoz: In dieser Kategorie hatten wir sehr viele unterschiedliche Einreichungen, die einen interessanten Mix aus neuen Technologien, Elektronik, Mechanik und Mechatronik aufweisen. Aus dieser Zusammenführung von verschiedenartigen Wegen und Technologien haben die Anmelder zum Teil gänzlich neue Angebote realisiert. Ein gutes Beispiel für interne Logistik haben wir von der Firma „Trumpf“, die eigentlich schwerpunktmäßig im Laser-Bereich tätig ist, gesehen. Das neue Trumpf-Ortungssystem „Track & Trace“ bietet Orientierung im Raum, um in Produktionsräumen sehr schnell zu wissen, wo bestimmte Teile gelagert sind. Die entsprechenden Werkstück-Boxen sind hierzu mit Ortungschips ausgestattet – eine einfache, aber sehr sinnvolle Anwendung.

Es waren wie immer intensive Diskussionen notwendig, um die eingereichten Produkte richtig einordnen zu können und um zu verstehen, welche Produkte „Standard-Technik“ aufweisen und welche neue Möglichkeiten eröffnen. Dies setzt natürlich einen offenen Austausch in der Juroren-Gruppe voraus. Der Konsens, der sich am Ende immer einstellt, führte dazu, dass wir drei Red Dot: Best of the Best in der Kategorie vergeben konnten. Der Dialog und die Tatsache, dass Experten der einzelnen Kategorien die Produkte bewerten und damit auch den aktuellen Stand der Technik beurteilen können, sind meiner Meinung nach eine gute Basis für einen Jurierungsprozess, wie er seit langem bei Red Dot praktiziert wird und sich bewährt hat.

 

Auf welche Kriterien haben Sie bei der Evaluierung der Produkte Wert gelegt?

Ich lege Wert darauf, dass wir als Designer sparsam mit Rohstoffen umgehen, dass die Produkte nur minimalen Raum einnehmen und dass sie leicht zu nutzen sind.Ich erinnere mich zum Beispiel an eine LED-Wand, welche man modular zusammen­stecken kann und die sich in den letzten Jahren in ihrer Wiedergabequalität sehr stark verbessert hat und durch die Minimalisierung der LEDs ein sehr scharfes Bild produziert. So ist der Unterschied zwischen Screens bei Fernsehern und den LED-Projektio­nen fast nicht mehr erkennbar und ermöglicht viele neue und interessante Anwendungen im Informationsbereich.

Wichtig ist ferner der einfache Gebrauch, sodass dem Nutzer eine überzeugende Lösung für sein Problem zur Verfügung gestellt wird. Diese muss idealerweise auch kostengünstig bzw. kompetitiv sein, damit das Unternehmen am Weltmarkt bestehen kann. Zudem ist eine sinnfällige Gestaltung essentiell, damit der Nutzer keine lange Bedienungsanleitung benötigt, um mit den Produkten umzugehen.

Welche Trends oder Innovationen gibt es im Bereich Medizintechnik, Life Science und Robotik?

Wir sind in unserem eigenen Unternehmen stark engagiert im Bereich der Medizin­technik und der Biotechnologie. Hier sehen wir häufig interessante Kombinationen aus Technologien und die vermehrte und sinnvolle Nutzung von künstlicher Intelligenz. Da immer mehr auf Datenmaterial von Patienten zurückgegriffen wird, muss ein verantwortlicher und sicherer Umgang mit diesem gewährleistet sein. Viele staatliche Regelungen bewe­gen sich bereits in die Richtung, die hierfür notwendigen Gesetze sorgfältig zu überarbeiten – auch wenn dies häufig erst im Nachhinein geschieht, da die Technolo­gien sehr rasch voranschreiten. Durch künstliche Intelligenz wird der Gebrauch der Produkte häufig vereinfacht. Im Bereich der Biotechnologie ist es zum Beispiel ver­mehrt üblich und sinnvoll, über Kontinente hinweg vernetzt via Cloud zu arbeiten. Die Kombination von Big Data und Künstlicher Intelligenz, verarbeitet in der Cloud, zeigt laut einem Bericht des Schweizer Unternehmens Novartis eindrücklich, was heute bereits möglich ist: „Während die Sequenzierung eines menschlichen Genoms 2007 noch etwa 10 Monate dauerte und 10 Millionen US-Dollar kostete, sind heute für das gleiche Verfahren nur noch 24 Stunden und 1.000 US-Dollar oder weniger nötig.“ Wenn in den Laboren in Europa neue Medikamente entwickelt werden, kann man sich mit Partnern in Asien austauschen und die Zeitverschiebung nutzen, um weiter an den Daten zu arbeiten und von der enorm umfassenden Datenbasis profitieren.

Wie spiegeln sich die Trends in den Einreichungen, die Sie gesehen haben, wider?

Es sind einige sehr beeindruckende Einreichungen dabei, zum Beispiel im Bereich der Medizintechnik, bei denen sich diese Trends zeigen. Ein Zahnarztbehandlungsstuhl, als Objekt wunderschön gestaltet, welcher in allen Bereichen sehr übersichtlich und hygienegerecht ausgeführt wurde und hierdurch auch leicht zu reinigen ist, hat bei mir einen nachhaltig positiven Eindruck hinterlassen. Im Behandlungsstuhl sehr sen­sibel integriert sind smarte Touchpoints mit guter Ikonografie, welche motorisch nahezu lautlos eine perfekte ergonomische Position für Patient und Arzt ermöglichen. Mit einem einfachen Touch fährt das Speibecken beispielsweise eben­falls motorisch gesteuert zum Patienten. Gleichfalls überzeugend gestaltet ist die UX-Lösung für den Arzt im Fußpedal-Bereich. Dieser Behandlungsstuhl stellt für mich einen neuen Benchmark dar.

Ein weiteres, ausgezeichnetes Produkt war eine Röntgen-Kamera, welche sehr kompakt konzipiert wurde, sodass sie leicht mobil eingesetzt werden kann. Ich kann mir vorstel­len, dass eine Pflegefachkraft zu einem Patienten geht und Aufnahmen mit Hilfe der Kamera macht. Diese Informationen können in der Folge an den Arzt über­mittelt werden, sodass hierdurch Kosten im Gesundheitswesen reduziert werden können. So muss man nicht in jeder Situation den Arzt vor Ort aufbieten. Im Dental­bereich haben wir bereits einen komplett digitalisierten Workflow. Es ist schon heute möglich, dass wir nicht sofort zum Zahnarzt gehen, sondern mit Hilfe eines Oralscan­ners Bilder machen und diese Daten vorgängig dem Zahnarzt schicken. Künstliche Intelligenz wertet anschließend die Bilder in einem ersten Schritt aus. Sollte etwas nicht in Ordnung sein, sieht sich der Zahnarzt die Bilder an und macht gegebenenfalls einen persönlichen Termin aus.

Ebenfalls sehr gefallen hat mir ein Kopfschutz für kleine Kinder, die an einer Schädeldeformation leiden. Das Produkt wurde mit Hilfe der 3D-Druck-Techno­logie gebaut, sodass sich eine Anpassung der Größe entsprechend dem Wachstum auf einfache und kostengünstige Weise realisieren lässt. Die Schalen sind farbig erhältlich, was das Tragen motivierend unterstützt. All dies sind für mich Entwicklungen, welche zeigen, was wir heute unter Design verste­hen – einen realen Mehrnutzen zu entwickeln, gestalterisch überzeugend und im Ein­klang mit der Natur und dem Umweltschutz.

Red Dot Award: Product Design 2020

Noch bis zum 14. Februar 2020 haben Gestalter und Unternehmen die Möglichkeit, ihre besten Produkte zum Red Dot Award: Product Design einzureichen, um sie von Wolfgang K. Meyer-Hayoz und seinen Jury-Kollegen auf ihre gestalterische Qualität prüfen zu lassen. Dafür stehen ihnen rund 50 Kategorien zur Verfügung. Wer die hochkarätige Jury überzeugt, kann sich zu den richtungsweisenden Größen der Designbranche zählen.